Habe meinen Augen fast nicht getraut, als ich gestern einen fast ganzseitigen Bereicht über Windsurfen in der Printausgabe der Neuen Zürcher Zeitung gesehen habe.
Hier der Link der Online-Artikels:
http://www.nzz.ch/sport/aktuell/es-ist-liebe-1.18592033
Als pdf unten angefügt.
Und hier der Text:
ZitatAlles anzeigenEs ist Liebe
Im Weltcup der Windsurfer - zwischen Momenten vollkommenen Glücks und der Angst um die Existenz
Früher waren die Windsurfer Stars, heute sind sie Idealisten. Wer im Weltcup überleben will, muss auf vieles verzichten, und er muss es gern tun. Ein Blick hinter coole Fassaden und verspiegelte Sonnenbrillen.Claudia Rey, El Médano
Es gab Zeiten, da war das Windsurfen eine grosse Sache. Menschen schraubten Surf-Bretter auf ihre Autodächer, obwohl sie in der Grossstadt wohnten. Windsurfen war cool, es gebar Stars und machte sie reich. Aber das ist lange her. Heute schreibt das Windsurfen keine Geschichten mehr von grossem Ruhm und Reichtum, es schreibt Liebesgeschichten. Eine dieser Geschichten ist die von Daniel Bruch.
Bruch ist Windsurfer und der Organisator des Weltcups in El Médano auf Teneriffa. Und damit sind wir auch schon beim Problem. Eigentlich will sich der 34-Jährige in den Tagen des Wettkampfs auf den Sport fokussieren. Aber das funktioniert natürlich nicht. Ständig will jemand etwas von Bruch. «Dany, es hat keine Tinte mehr im Drucker.» Oder: «Dany, wo sind die Flaggen?» Fragen, Bitten, Befehle. Alle schwirren um Bruch herum. Manchmal wird ihm das zu viel, dann versteckt er sich zu Hause. Zu Fuss sind es keine fünf Minuten vom Weltcup-Austragungsort zu seinem Haus. Wenn es schlimm wird, hockt sich Bruch auf die Veranda und setzt die Kopfhörer auf. Das hilft.
Traum vom eigenen Weltcup
Daniel Bruch ist Deutscher, aber auf Teneriffa aufgewachsen. Hier stand er als 15-Jähriger zum ersten Mal auf einem Surfbrett. Es war uralt und hatte Löcher. Und wenn Bruch draufstand, dann ging es unter. Trotzdem schaffte er es, am ersten Tag fünfzig Meter zu fahren. Bruch verliebte sich Hals über Kopf ins Windsurfen, und das Windsurfen liebte ihn. Bereits mit 17 Jahren unterschrieb er den ersten Profi-Vertrag, reiste nach Hawaii und Brasilien - Dinge, die 17-Jährige normalerweise nicht tun. Bruch hatte Erfolg, aber mit 20 Jahren beendete er seine Karriere, der Vater wollte es so. Der Sohn sollte das Familienunternehmen übernehmen, ins TV-Satelliten-Geschäft einsteigen.Bruch tat, was der Vater wollte. Er wickelte die Kundengeschäfte ab und sass den ganzen Tag im Büro. Nur an den Wochenenden stand er ab und zu noch auf dem Surfbrett. Bruch hatte ein geregeltes Leben und ein geregeltes Einkommen, aber er hasste es. «Nach fünf Jahren hatte ich die Schnauze voll», sagt Bruch, er lächelt verlegen, wenn er die Geschichte erzählt, weil er weiss, dass er das Leben kritisiert, das so viele Menschen leben. Bruch schmiss den Job hin, eröffnete auf Teneriffa einen eigenen Kleiderladen und fing wieder an zu trainieren. Dann ging er zurück auf die Windsurf-Tour.
Wenn Bruch von damals spricht, wirkt er nachdenklich. «Ich bereue die Pause nicht», sagt er. «Ich habe viel gelernt.» Heute ist Bruch dankbar, früher war er das nicht. Das Leben als Surfer, die Reisen, die Sponsoren - alles war damals selbstverständlich. Es ist fast, als hätte Bruch damals nicht gemerkt, wie sehr er das Surfen liebt. Erst als es ihm genommen wurde, realisierte er den Verlust. Weil das Windsurfen ihm so viele Momente des Glücks schenkt, entschied sich Bruch, etwas zurückzugeben. So fing alles an mit dem Weltcup auf Teneriffa. Bruch engagierte sich dafür, genau dort ein Rennen zu organisieren, wo er als 17-Jähriger seinen ersten Wettkampf hatte - in El Médano. Drei Jahre später wurde aus dem Traum Wirklichkeit. Das ist fünf Jahre her. Seither hat Bruch jedes Jahr den Weltcup auf Teneriffa organisiert und selbst daran teilgenommen. Es ist eine grosse Belastung. «Meist bin ich schon kaputt, bevor der Anlass anfängt», sagt er, und wenn der Wettkampf läuft, kommen alle zu ihm mit ihren kleinen und grossen Problemen. Mit der Drucker-Tinte und den Fahnen.
Aber für Bruch stimmt es so, er will nicht nur ein Surfer sein - auch, weil er sonst nicht überleben könnte. Er braucht Nebeneinkünfte wie jene vom Weltcup-Event. Das Geld reicht meist geradeso, zum Sparen ist es zu wenig. Der Weltcup und die Reisen sind teuer. Eigentlich möchte er im Herbst mit seiner Frau in die Ferien fahren, aber er weiss noch nicht, ob das Geld dafür reicht. Seine erste grosse Liebe, das Windsurfen, frisst Löcher ins Budget.
Star ohne Sponsor
Auch die Geschichte von Sarah-Quita Offringa ist eine Liebesgeschichte, obwohl es erst gar nicht den Anschein gemacht hat. Offringa sieht aus, wie man sich eine Surferin vorstellt: braungebrannt, das krause Haar von der Sonne gebleicht und immer gutgelaunt. Erwartungsvoll sitzt sie in El Médano im improvisierten Pressebüro, das zugleich Mensa ist - und Aufenthaltsraum und Fan-Shop und Physiotherapie-Praxis. Ein Zelt für alle Zwecke. An Offringas nackten Füssen klebt Sand, der zeigt, dass sie soeben mit dem Surfbrett aus dem Wasser gestiegen ist.Aber das Surfen und Offringa, das war keine Liebe auf den ersten Blick. Weiss Gott nicht. Sie war neun Jahre alt, als die Eltern sie erstmals auf ein Surfbrett stellten. Offringa hasste es: Das Segel war zu schwer, sie selber war viel zu klein. Eigentlich wollte sie danach nie wieder surfen, stattdessen spielte sie Tennis und war im Schwimmklub. Ein Jahr später fand auf der Karibikinsel Aruba, wo Offringa geboren ist, ein Windsurf-Wettbewerb statt. «Alle haben gelacht und hatten eine gute Zeit, und da wusste ich: Das will ich auch», erzählt sie. Schon zwei Monate später nahm sie am ersten Wettkampf teil.
Heute ist Offringa eine der erfolgreichsten Windsurferinnen der Welt. Sie ist achtfache Weltmeisterin im Freestyle. Seit sie 17 Jahre alt ist, gewann sie in dieser Disziplin jedes Jahr den Titel. Offringa liebt das Windsurfen und die Tour. Aber deswegen ist für sie nicht immer alles nur toll. Oft hat sie Heimweh, vermisst die Familie, die Freunde und ihre karibische Heimat. Früher, als sie jünger war, reiste der Bruder mit ihr an die Weltcup-Rennen. Jetzt studiert er und hat keine Zeit mehr.
Offringa liebt das Surfen, aber von der Liebe allein kann sie nicht leben. Vor einem Jahr hat sie deshalb in den Niederlanden den Bachelor abgeschlossen in «Science and Innovation». Auf der Tour sei nicht immer alles easy, sagt sie. Unter den Frauen gibt es Rivalitäten nicht nur auf, sondern auch neben dem Wasser. Offringa mag das nicht, ihr ist der Spass am wichtigsten, nicht das Siegen. Manchmal wäre sie fast lieber ein Mann. Die Männer hätten es einfacher, sagt sie, die hätten mehr Kraft und seien bei den Sponsoren beliebter. 2014 musste Offringa ohne Sponsoren auskommen - sie, die achtfache Weltmeisterin, der Star der Szene, Everybody's Darling. Dass Offringa trotzdem vom Windsurfen leben kann, verdankt sie ihrem Vater. Der hat die Sponsorengelder von früher gut angelegt. Aber nur, wenn sie weiterhin gute Ergebnisse zeigt, reicht das Geld auch künftig.
Das «Wunderkind»
Es war von Anfang an klar: Philip Köster und das Windsurfen sind füreinander bestimmt. Der Deutsche schenkte dem Windsurfen sein Herz, noch bevor er überhaupt je auf einem Brett gestanden hatte. Er ist auf Gran Canaria aufgewachsen in Playa de Vargas. Das Haus der Familie Köster liegt direkt am Meer, in einer einsamen Bucht. Als Kind, wenn Köster hätte Hausaufgaben machen sollen, stand er stundenlang am Fenster und guckte aufs Meer. Dorthin, wo die Windsurfer ihre Kunststücke vollführten. Dorthin wollte er auch. Mit 8 Jahren lernte er von seinen Eltern, die früher eine Surfschule betrieben, das Windsurfen. Mit 11 Jahren erhielt er eine Wild Card für den Weltcup - er schied in der ersten Runde aus, aber es war der Anfang von etwas Grossem. Mit 15 Jahren gewann Köster sein erstes Weltcup-Rennen. Und dann mit 17 wurde er Weltmeister. «Wunderkind» und «Messi des Windsurfens» titelten die Medien überschwänglich.Köster fühlte sich geschmeichelt, aber der Hype war ihm nicht geheuer. Das ist auch jetzt nicht anders mit 21 Jahren und dem zweiten Weltmeistertitel im Gepäck. Wenn er über seine Erfolge spricht, dann kichert Köster verlegen. Der sportliche Erfolg bedeutet ihm viel, die Aufmerksamkeit, die er mit sich bringt, aber behagt ihm nicht. Köster spricht nicht so gerne mit den Medien. Er weiss, dass er es tun muss, weil es ihm hilft und dem darbenden Windsurfsport. Weil das Windsurfen Idole braucht wie ihn. Am allerliebsten aber ist er draussen auf dem Meer und tüftelt an neuen Sprüngen, übt, um weitere Rekorde zu erzielen.
Viele vergleichen Köster mit Robby Naish, dem Helden aus den grossen Zeiten des Windsurfens. Manche glauben gar, Köster könne noch erfolgreicher werden als Naish und dem Windsurfsport zu neuen Höhenflügen verhelfen. Solche Vergleiche sind Köster unangenehm. «Naish ist ein cooler Typ, er hat so viel erreicht, viel mehr als ich», sagt er und zupft verlegen an seinem zerknitterten Shirt. In solchen Momenten vergisst Köster, dass er noch jung ist und noch viel erreichen kann. Und vielleicht kann er tatsächlich eine neue Geschichte schreiben, eine, die als Liebesgeschichte beginnt und als Heldengeschichte endet. Weil der Held der Geschichte liebt, was er tut.
Die Reise nach Teneriffa erfolgte auf Einladung des spanischen Fremdenverkehrsamts Turespaña.
