Claudio Durfte letztes Jahr mal einem "Advanced-Training" zusehen wo die Surflehrerin den Beachstart geschult hat, indem sie mit dem vorderen Fuß zuerst auf das Board stolperte. Dieses Beispiel sagt viel über die Unprofessionalität des Windsurfens aus...
Moin Jense,
ja, da sprichst mit deiner Kritik einen Zwiespalt an, den ich jedes Mal vor Augen habe, wenn ich empfehle, Windsurfunterricht in Betracht zu ziehen.
Um das zu verdeutlichen, muss ich etwas ausholen:
An meiner Windsurfschule gab es beispielsweise einen vierstündigen „Wasserstartkurs“. Im Rahmen dieser vier Einzelstunden erlernten Schüler – immer vier Schüler pro Kurs – den Wasserstart.
Voraussetzungen:
1. Ich habe mir die Interessenten vor der Aufnahme in diesen Kurs – wie auch in jeden anderen Fortgeschrittenen- oder Shortboardkurs – zuvor beim Fahren angeschaut. Immer mal wieder mit dem (für den jeweiligen Interessenten unerfreulichen) Ergebnis, dass der jeweils erwünschte Kurs meiner Fahrtechnik-Analyse zufolge nicht der richtige Kurs war. Mit der Zeit hatte ich den Ruf, so wurde mir das mal zugetragen: „Geh zu Claudio, äußere deinen Wunsch… und mach dann den Kurs, den er dir rät“.
2. Unterricht erfolgte streng nur unter Windbedingungen, die den jeweiligen Lernprozess tatsächlich ermöglichten! Konnte für einzelne Kursteilnehmern, weil deren Urlaub endete, der Kurs nicht rechtzeitig abgeschlossen werden, wurde der nicht erteilte Kursanteil wieder ausgezahlt. Die meisten kamen dann ein Jahr später wieder, um den Rest des Kurses zu absolvieren.
95% der Schüler haben – wie versprochen – in der vierten Unterrichtsstunde ihren ersten Wasserstart gemacht. Nicht selten standen solche Schüler ein Jahr später wieder bei mir vor der Tür, um sich für einen „Schlaufeneinsteigerkurs“ einzuschreiben, sinngemäß den Satz auf den Lippen: „Der Wasserstart ist Routine“. Ein kleiner Teil der Schüler brauchte dann aber noch eine weitere, fünfte Stunde Unterricht, um den Wasserstart umzusetzen. Die Stunde gabs natürlich kostenfrei oben drauf, weil ich den Fehler immer bei mir (uns), nicht beim Schüler verortet habe. Die Schüler haben den Fehler in der Regel übrigens immer bei sich gesehen, weil die anderen drei Kursteilnehmer hattens ja – leicht erkennbar – „schnell genug“ gelernt.
Was ich damit zusammengefasst sagen will: Mir (uns) ging es immer darum, Lernprozesse der Schüler einzuleiten, zu begleiten und abzuschließen (!). Ich komme unten auch diesen Punkt zurück.
Nachdem ich meine Windsurfschule geschlossen hatte, habe ich, schlichtweg aus Erkenntnisinteresse, in meinen Urlauben immer mal wieder an anderen Windsurfschulen hospitiert. Ich möchte diesen Berufsstand eigentlich nicht so kritisch bewerten, wie ich das jetzt machen. Aber vielleicht bin ich einfach alt genug, um mir das leisten zu können? Jedenfalls kann ich deine Schilderung betreffs der bisweilen auftretenden, desaströsen „Lehrqualität“ mehr als nachvollziehen. An einer Schule am Gardasee hab ich mich dann mal für einen vierstündigen „Wasserstartkurs“ testweise „interessiert“. Ich war erstaunt, dass Vorfahren - zwecks Prüfung, ob ich denn überhaupt für dieses Kursangebot geeignet bin? – nicht erforderlich war. Die für mich naheliegende Frage, was denn dann sei, wenn ich den Wasserstart nach vier Stunden nicht gelernt hätte? Antwort: Dann könne ich eine weitere, also eine fünfte Stunde hinzubuchen. Und dann eine sechste, eine siebte, usw.! Das is ein nettes Geschäftsmodell, dacht ich mir!
Neuerdings gibt’s Pros, die bieten „Clinics“ oder ähnliches an. Relativ neue Entwicklung, zwecks Aufbesserung der Reisekasse vermutlich. Diese Veranstaltungen finden einiges an Zuspruch! Weil viele Windsurfer irrtümlicherweise denken, wenn jemand selbst auf hohem Niveau Windsurfen kann, kann er Fahrtechnik gut vermitteln.
Die Pros verfügen allerdings über kein Anleitungswissen, haben von Bewegungslehre, Methodik, Didaktik, Bewegungsanalyse, Biomechanik usw. keine Ahnung. Wie soll es unter deren Anleitung – wie von mir oben beschrieben – zu echten Lernprozessen kommen? Kommt es auch nicht. Es geht um - Zit.: „Tipps“ und „Impulse“, was in der Regel übrigens genau so von vornherein verkündet wird. Kann man natürlich machen, aber für meine Begriffe ist das in Sachen „Windsurfunterricht im Fortgeschrittenenbereich“ eine Fehlentwicklung.
Der Bedarf nach professioneller Anleitung scheint durchaus zu existieren, es fehlt das kompetente Lehrangebot. Nicht umsonst habe ich in meiner Schule übrigens nur Windsurflehrer eingestellt, die auch Sportstudenten waren oder ein Sportstudium abgeschlossen hatten. Und ich habe die dann entsprechend weiter ausgebildet. Das war aber nicht mehr schwer, weil die bestimmte „Basics“ einfach schon mitgebracht haben.
Ich möchte aber diesbezüglich aktuell auch positive Beispiele in den Blick nehmen: Mein Lehrbuch wurde von nicht wenigen Windsurflehrern, teilweise Windsurfschulbetreibern erworben. Da besteht also erfreulicherweise Interesse, sich – die eigene Unterrichtsqualität betreffend – weiter zu entwickeln. Was ja auch das Ziel meines Lehrbuchs war und ist.
Unter uns Windsurfern sind ein erschreckend hoher Anteil an Autodidakten, die spätestens seit dem Anfängerkurs nach der Trial- and Errormethode durch ihr weiteres Windsurferleben gewandelt sind -mich ganz klar eingeschlossen - und sich so auch viele Fehlhaltungen antrainiert haben.
Auch hier stimme ich dir zu! Da werden übrigens fahrtechnische Fehler – von jedem auf jeweils individuelle Weise – kompensiert. Ein m.E. schillerndes Beispiel hat Bouke in seinem Beitrag mit seinem ersten Fallbeispiel beschrieben.
Ein guten Beispiel dafür war ein Kunde der diesen Sommer für 4 Wochen bei Egli in Sotavento gemietet hat. (...) Aber seine Erfahrungen mit dem Material bei Egli waren problematisch. Mit 3.7 Wind haben die ihn (65kg) ein 95L Freewave gegeben womit er nicht klar kam, mit 105L besser. Und bei weniger Wind kam er gar nicht zu recht mit ein Freeridebrett. (...) Er konnte und wollte oft das Segel nicht voll dichtholen weil es ihn denn mit dem Chop viel zu schnell wurde.
Der von ihm beschriebene Fahrer steht und fährt sehr wahrscheinlich ((!!) is ne Ferndiagnose, ich müsste das streng genommen mal anschauen können!) deshalb dezentriert auf seinem Board, weils mit der Koordination im Rigghandling deutlich hapert. In Geradeausfahrt, wohlgemerkt! Ist ein Klassiker, übrigens! Der steckt tief in einer fahrtechnischen Sackgasse, was sich dann – wen wunderts – insbesondere unter etwas erschwerten Fahrbedingungen (Chop) zeigt, aber ganz sicher auch bei Glattwasser erkennbar ist. Nur sind bei einfacheren Bedingungen die negativen Konsequenzen für ihn leichter kompensierbar. Eine Ursache solcher Sackgassen habe ich hier thematisiert:
Um mich da verständlich zu machen, nehmen wir jetzt mal an, es handelte sich bei Boukes Fallbeispiel nicht um einen Windsurfer, sondern um einen Fahrradfahrer – der beim Überfahren über etwas holprigeren Untergrund über Gleichgewichtsprobleme klagt, aufgrund derer er sich immer wieder mit einem Fuß seitlich am Boden abstützen muss, um nicht zu stürzen. Bouke diskutiert m.E. nun – im übertragenen Sinne – die Spurbreite und Größe der Stützräder, die an das Fahrrad zu bauen seien, zwecks Behebung der Bewegungsprobleme dieses Fahrers. Was ich damit verdeutlichen möchte: Mit der vorgeschlagene „Lösung“ werden Symptomen gelindert, anstatt die Ursache der Probleme in den Blick zu nehmen.
Die Frage, die für mich im Raum steht ist: In Sotavento – direkt neben dem Verleih – gibt’s ne Windsurfschule. Warum wurde dem Mann nicht vorgeschlagen, dort mal ein paar Stunden Unterricht zu nehmen? Das wäre die definitiv nachhaltige Lösung!
Und da landen wir wieder bei deiner – sicher teils berechtigten – Kritik, Jense! Weil die Leute dort wahrscheinlich die Ursache der Probleme nicht erkannt haben und vermutlich auch über die Lehrkompetenz nicht verfügen, dem Mann mit entsprechend kompetenten Unterricht punktgenau zu helfen.
Herzliches Aloha
Claudio